Zukunft in Vielfalt - Interview mit Inez Boogaarts und Apostolos Tsalastras

Inez Boogaarts und Apostolos Tsalastras
Im Projekt "Zukunft in Vielfalt" begleitete die ZAK NRW in Kooperation mit dem Oberhausener Kulturdezernat und dem städtischen Büro für Interkultur sieben  Kulturinstitutionen der Stadt Oberhausen auf einem spannenden Weg: bei der Erstellung interkultureller Handlungskonzepte. 

Über diesen Prozess haben wir zwei mal fünf Fragen gestellt:

Inez Boogaarts

Inez Boogaarts, Geschäftsführerin ZAK NRW

1. Diversitätsorientiert: Was heißt das überhaupt für die Arbeit von Kulturinstitutionen?

Über 25% der Menschen in Nordrhein-Westfalen haben eine diverse Geschichte, bei Kindern und Jugendlichen noch weit mehr. Diese sichtbare gesellschaftliche Veränderung darf nicht vor den Türen der Kultureinrichtungen enden. Stattdessen müssen sich die Häuser auf allen Ebenen dafür öffnen: Vor allem in einer Haltung, die Diversität als Wert und Chance begreift. Aber auch in einer barrierearmen und aktiven Kommunikation, in der Zusammensetzung ihres Personals, einem Programm, das nicht die immer gleichen Gruppen repräsentiert und in der gezielten Ansprache eines vielfältigen Publikums. Öffnung ist ein ganzheitlicher Prozess, das geht über einzelne Projekte weit hinaus.

2. Welche Motivationen haben Kulturinstitutionen, wenn sie sich diversitätsorientiert aufstellen?

Kultureinrichtungen sind für die Gesellschaft da. Die Gesellschaft besteht nicht nur aus einem kleinen Teil der Bevölkerung, sondern vielen verschiedene (Ziel-)Gruppen, denen sich die Einrichtungen mehr und mehr öffnen. Die Institutionen möchten aber auch gesellschaftlichen Wandel aktiv mitgestalten und eine eigene Rolle einnehmen. Auch hier ist es eine große Motivation, die Chancen und das kreative Potenzial zu nutzen, das die Vielfalt unserer Gesellschaft bietet. Und nicht zuletzt ist Diversitätsorientierung eine Frage der Relevanz: Für einen Großteil der jungen Menschen von heute ist Diversität eine alltägliche Selbstverständlichkeit – und das sind die Kulturnutzer*innen und Steuerzahler*innen von morgen.

3. Warum braucht ein Prozess wie „Zukunft in Vielfalt“ eine externe Begleitung?

Diversitätsorientierte Entwicklungsprozesse fordern Kulturinstitutionen in ihrem Selbstverständnis und ihrer Wandlungsfähigkeit heraus. Eine gute externe Begleitung nimmt die Institutionen quasi an die Hand, benennt Stärken und Schwächen und unterstützt dabei, Entscheidungen zu treffen: Wo und wie investiert die Institution ihre Kräfte am besten, um nachhaltig etwas zu verändern? Außerdem sind die Institutionen in erster Linie Expert*innen für ihr eigenes Kerngeschäft. Für umfassende Veränderungen ist aber ein allgemeinerer Blick von außen hilfreich, der Strukturen klarer erkennt und einen Rahmen vorgibt. Der Prozess profitiert auch davon, dass eine Einrichtung wie die Zukunftsakademie NRW bereits Erfahrungen in anderen Projekten gesammelt hat und Impulse und Beispiele geben kann.

4. Welche Erkenntnisse aus dem Prozess waren besonders eindrucksvoll?

Bei einer Vielzahl verschiedener Akteur*innen ist es essenziell, eine gemeinsame Basis zu schaffen und erst einmal zu klären, was Diversität für die Institutionen bedeutet und was erarbeitet werden kann. Anschließend wurde deutlich, dass die Prozessbegleitung individuell auf die einzelnen Beteiligten eingehen und jede Institution dabei unterstützen muss, sich einen eigenen Zugang zu erarbeiten und Prioritäten zu setzen. Diese individuelle Begleitung hat sich als entscheidender Schritt herausgestellt, um das Thema Diversitätsorientierung mit den eigenen Erfahrungen zu verknüpfen und so die Motivation zur Umsetzung zu schaffen. Die Bereitschaft der Institutionen, sich darauf einzulassen und Vertrauen aufzubauen, war sehr beeindruckend.

5. Welchen Tipp haben Sie für Kultureinrichtungen, die sich verändern wollen?

Neugier und Spaß an Veränderung sind die besten Motoren für Wandel. Fragen Sie sich: Was bedeutet der gesellschaftliche Wandel für Sie, welche Chancen sehen Sie darin? Welche Geschichte von Veränderung möchten Sie mit Ihrer Institution erzählen? Seien Sie sich Ihrer Verantwortlichkeit, der wirtschaftlichen, moralischen und sozialen Notwendigkeit des Wandels bewusst. Und dann fangen Sie einfach an: Gerade auch kleine Schritte können etwas in Bewegung setzen, anstatt sich durch den eigenen Anspruch à la „Entweder ich setze sofort alles um oder ich mache es gar nicht“ zu überfordern. Kleine Schritte können z.B. sein Öffnungszeiten zu verändern, einen Beirat mit jungen diversen Menschen einzurichten, gezielte Praktikumsstellen zu schaffen oder die eigenen Räume für bisher wenig beachtete Gruppen zu öffnen.

Apostolos Tsalastras

Apostolos Tsalastras, Kulturdezernent Oberhausen

1. Woher kam die Idee zu dem Projekt „Zukunft in Vielfalt“?

Im Rahmen der intensiven Auseinandersetzung mit der interkulturellen Öffnung unserer Kultureinrichtungen und dem Handlungsauftrag durch das Kommunale Integrationskonzept ist die Frage entstanden, wie wir für alle Kultureinrichtungen der Stadt interkulturelle Handlungskonzepte entwickeln können. Ein allgemeines Konzept zur interkulturellen Öffnung und erste Versuche zu konkreten Handlungskonzepten hatte es schon in Zusammenarbeit mit dem Integrationsrat gegeben, diese waren aber unterschiedlich weit entwickelt und nur in einem Fall zum Abschluss gebracht worden. Nach einer Beratung durch die ZAK NRW haben wir die gemeinsame Entwicklung des Projektes vorgenommen, wobei der Handlungsauftrag von der interkulturellen Perspektive auf eine diversitätsorientierte erweitert wurde.

2. Was bedeutet „Zukunft in Vielfalt“ für die Oberhausener Kultureinrichtungen?

„Zukunft in Vielfalt“ bedeutet, dass sowohl die Programmgestaltung wie auch das Marketing für die Programminhalte so ausgelegt sind, dass die Einrichtungen ein möglichst breites und vielfältiges Publikum erreichen. Gleichzeitig werden alle Barrieren logistischer wie auch inhaltlicher Art so weit wie möglich reduziert, um allen Oberhausener*innen den Zugang zu den Kultureinrichtungen zu ermöglichen. Die internen Strukturen der Organisation und der Personalentwicklung sind so offen aufgestellt, dass allen der Zugang ermöglicht wird und das Personal über diverse Kompetenz verfügt bzw. divers zusammengesetzt ist und die Zusammensetzung der Oberhausener Bevölkerung widerspiegelt.

3. Welche Erkenntnisse aus dem Prozess waren besonders eindrucksvoll?

In der Auseinandersetzung um die richtigen Ziele und die richtigen Maßnahmen für eine diversitäre Öffnung der Einrichtungen wurden viele strukturelle Fragen gestellt und beantwortet, die dazu geeignet sind, die Arbeit der Einrichtungen insgesamt auf ein qualitativ höheres Niveau zu heben. „Audience development“ und neue Marketingstrategien für das Erreichen neuer Besucher*innen und Teilnehmenden helfen den Einrichtungen, ihre Zukunftsperspektive zu sichern. Spannend war auch die Diskussion und Auseinandersetzung um ein gemeinsames Verständnis von Diversity, da alle Beteiligte von verschiedenen Ausgangspunkten gestartet sind.

4. Was bringt der Stadt und ihren Kultureinrichtungen die Diversity-Perspektive?

Die Kultureinrichtungen werden ihrem Auftrag aus dem Kommunalen Integrationskonzept gerecht, Handlungskonzepte zu entwickeln und so die städtischen Leitziele zur Integration zu erfüllen. Sie werden aber auch ihrer Funktion als städtische Kultureinrichtungen gerecht, allen Menschen in der Stadt ein adäquates Kulturangebot zur Verfügung zu stellen und ihnen den Zugang zu Kultur zu ermöglichen. Wenn die Handlungskonzepte erfolgreich umgesetzt werden, verbreitet sich das Klima der Kreativität, der Toleranz und des gegenseitigen Verständnisses in der Stadt und der Zusammenhalt in der Stadtgesellschaft wird gestärkt.

5. Was können andere Kommunen von Oberhausen lernen?

Es empfiehlt sich auch für andere Kommunen, sich Unterstützung bei einer Institution wie der ZAK NRW für einen vergleichbaren Prozess zu holen. Wenn eigenes Know-how vorhanden wäre, dann wären die Kultureinrichtungen bereits entsprechend aufgestellt. Darüber hinaus empfiehlt es sich einen gemeinsamen Prozess zu organisieren, damit sich auch alle verpflichtet fühlen, Handlungskonzepte für eine diversitäre Orientierung zu entwickeln. Der Prozess sollte aber so gestaltet sein, dass alle Einrichtungen ihre individuellen Konzepte entwickeln, da die Kultureinrichtungen zu unterschiedlich sind. Dadurch gelingt es den besonderen Anforderungen einer jeden einzelnen Einrichtung gerecht zu werden. Außerdem sollten die entwickelten Konzepte als Start eines Prozesses betrachtet werden und es sollte ein Verfahren verabredet werden, wie die Konzepte weiterentwickelt und umgesetzt werden.

Fotos: 
Inez Boogaarts und Apostolos Tsalastras: ZAK NRW/Vladimir Wegener
Inez Boogaarts: Tina Umlauf

Projekt
Zukunft in Vielfalt: Modellprojekt der Stadt Oberhausen
Datum
4. Juli 2019
Teilen

Weitere Medien dieses Projektes

Inhalte werden geladen...