Wissenstransfer: Diversitätsorientierte Expert*innenpools

Epertinnenpool ZAK NRW

Erfahrungsbericht

 

„Wir kennen diese Leute nicht“: Expert*innenpools der Zukunftsakademie NRW

Oft wurde an uns der Bedarf herangetragen:„Wir wollen etwas verändern, wir wollen mit anderen Personen arbeiten,aber erreichen oder kennen diese Leute nicht“. Das hat uns, auch mit Blick auf die Erfahrung im Ausland, dazu ermuntert, zwei sogenannte Expert*innenpools zu initiieren: einen Expert*innenpool für Dienstleistungen und einen für potentielle Jury-und Gremienmitglieder. Die ZAK NRW beauftragte zunächst eine Bedarfsermittlung.

Im Besonderen ergab diese den Bedarf nach folgender Expertise: Mitglieder für Jurys/Beiräte, Best Practices: Persönlichkeiten, die gute Beispiele aus der Praxis mitreißend vermitteln können, Beratung zu Fördermöglichkeiten, Beratung und Forschung zu Audience Development, Beratung und Fortbildung zu diversitätsorientierter Öffentlichkeitsarbeit, Diversity Trainings, Programmberatung, temporäre Projektmitarbeiter*innen, Organisationsberatung und Austausch mit Kolleg*innen/Mitarbeiter*innen anderer Kultureinrichtungen.

Tipps für die Umsetzung

Es hat sich auch nochmals herausgestellt, dass es genügend Expert*innen im Bereich Diversität gibt. Man muss nur genauer hinsehen. Konkreter: etablierte Bewertungskriterien von Expertise müssen hinterfragt und neu definiert werden. Vielleicht ist es nicht immer der Hochschulabschluss, der die gewünschte Expertise mit sich bringt, sondern diejahrelange ehrenamtlicheArbeit, die Neugier für Innovation, die Publikumserfahrung, ein diverser Hintergrund oder dieeigene Diskriminierungserfahrung. Diversität sollte sich auch in den Kriterien zur Auswahl von Expert*innen widerspiegeln. Die Sprache und die Kommunikationskanäle, in der Ausschreibungen zur Suche von Expert*innen verfasst werden, ist ebenfalls ausschlaggebend. Sie sollte der gewünschten Zielgruppe angepasst sein. Netzwerker*innen reagieren anders auf bestimmte Formulierungen als Wissenschaftler*innen oder Künstler*innen.

Expert*innenpool Dienstleistungen

Die Zukunftsakademie NRW hat einen Pool an Expert*innen für verschiedene Dienstleistungen entwickelt, den sie Kulturinstitutionen und Kulturschaffenden aus NRW zur Verfügung stellen möchte. Die Expert*innen verfügen über Wissen, Kompetenzen und Erfahrungen in den Bereichen Kulturelle Bildung oder vielfaltssensible Öffnung von Kulturinstitutionen. Sie können ganz unterschiedlich zum Einsatz kommen: Sie beraten Kulturinstitutionen je nach Bedarf zum Thema Diversität, können Veranstaltungen um vielfältige Perspektiven erweitern und neue Impulse setzen.

Ein breit gestreuter offener Aufruf ging dazu an potenzielle Expert*innen, die sodann mit Angaben zu Fachwissen und Kompetenzen in einer Datenbank gesammelt und qualifiziert wurden. Mittlerweile sind ca. 120 potenzielle Dienstleister*innen im Pool. Um die Expert*innen besser kennenzulernen und ihr Angebot besser verstehen zu können, wurden die Expert*innen interviewt. Zum Teil haben wir diese Interviews auch genutzt, um weniger etablierte Talente zu beraten – beispielsweise dabei, ihre eigenen Kompetenzen zu definieren. Die ZAK NRW hat selbst mit vielen davon gearbeitet und diente Kulturinstitutionen in erster Linie als Vermittlerin, die auf Anfrage passende Personen empfahl. Später sind wir mit dem Kompetenzzentrum für Kulturelle Bildung im Alter und Inklusion (kubia), die ebenfalls einen Expertisepool aufbauten, eine Kooperation eingegangen.

Expert*innenpool Jurys und Gremien

Viele Entscheidungen im Kulturbereich werden von Jurys und Gremien (Vorstand, Aufsichtsrat, Beirat, Kuratorium) getroffen oder nehmen großenEinfluss darauf, etwa für die Auswahl geeigneter Personen für Leitungspositionen oder die Vergabe von Fördergeldern und Aufträgen für Projekte. Die paritätische Besetzung von Jurys und Gremien mit Frauen und Männern ist gesetzlich festgeschrieben. Wir wollten den Blick weiten und die Besetzung auch im Hinblick auf weitere Dimensionen von Diversität in den Fokus nehmen. Die Erfahrung (in UK, Belgien oder den Niederlanden) zeigt, dass eine diversitätsorientierte Zusammensetzung von Jurys und Gremien auch die Arbeitskultur sowie Entscheidungsprozesse um zusätzliche Perspektiven bereichert – in diesem Bereich etwas zu verändern, ist aber ein langer Prozess (siehe u.a.: www.binoq.nl/programma/(Zugriff: 1.9.2019)). Unser Ziel war es, im Jahr 2019 als Beratungs-und Vermittlungsangebot einen Expert*innenpool für potentielle Mitglieder für Jurys und Gremien anbieten und das passende Match zwischen Jury/Gremium und Expert*in herstellen zu können.

Auf großes Interesse stießen wir zwar bei potenziellen Expert*innen für die diversere Besetzung von Jurys und Gremien, bei den möglichen Auftraggeber*innen dieser Gremien war die Begeisterung aber nicht so groß. Erstens ist die Überzeugung weit verbreitet, dass „Fachkompetenz“ das wichtigste überhaupt ist, was man in Jurys braucht. Wenn überhaupt von Diversität gesprochen wird, dann also von fachlicher Diversität. Diversität im Sinne von kultureller Vielfalt ist höchstens ein „Nice to have“. Zweitens haben viele Akteur*innen betont, dass sie bei der Besetzung ihrer Gremien keine Unterstützung benötigen, obwohl viele auch andeuten, dass es nicht so leicht ist, Jurymitglieder zu finden. Schließlich haben einige sich aber auf das Experiment eingelassen und sich von der ZAK NRW beraten lassen. Ein von uns entwickelter Fragenkatalog über gewünschte Kompetenzen und die Auflistung von potenziellen Mitgliedern haben dabei geholfen: Hier geht es zum Download des Fragenkatalogs.

Nächste Schritte wären es gewesen, einerseits noch mehr Überzeugungsarbeit in der Richtung potenzieller Auftraggeber*innen und Kulturpolitik zu leisten und anderseits neue Jurymitglieder aktiv weiter zu suchen, einen stetig wachsenden Pool daraus zu machen, regelmäßige Ausschreibungen aktiv weiterzuleiten und Weiterbildungs-und Netzwerkmöglichkeiten an neue Jurymitglieder zur Verfügung zu stellen.

Einen kleinen Beitrag konnten wir noch im offenen Brief des Kulturrats NRW zu den Juryverfahren in NRW leisten: „Empfohlen wird weiterhin, dass die Zusammensetzung von Gremien auch nach Gesichtspunkten der gesellschaftlichen Diversität geschehen sollte. Um dies zu gewährleisten und bislang kaum berücksichtigte Expert*innen für die Juryarbeit zu gewinnen, braucht es neue Strategien und Methoden.“ (s. www.kulturrat-nrw.de/(Zugriff: 1.9.2019))

 
Projekt
Expert*innenpool
Datum
16. September 2019
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