Von der Bedeutung des Zuhörens

Transkultur als Maßstab für diversitätsorientierte Prozesse im Ringlokschuppen Ruhr

Ringlokschuppen Ruhr
Ein persönlicher Bericht von Anke von Heyl, Spezialistin für Besucherorientierung, partizipative Methoden und Social Media in der Kultur.

Bild: Ringlokschuppen Ruhr/Stephan Glagla

„Wir wollen ein Ort sein, an dem die zukünftige Gesellschaft eingeübt wird“, fasst Ringlokschuppen-Leiter Matthias Frense die Gedanken zum Diversitätsprozess zusammen, in welchem sich die Kultureinrichtung gerade befindet. Unterstützung dabei gab es unter anderem durch die ZAK NRW und die Diversitäts-Beraterin Ivana Pilić, die das Zentrum für Diversität in Kunst, Kultur und Kultureller Bildung nach Mülheim vermittelt hatte. Das Theaterproduktionshaus Ringlokschuppen Ruhr hat bereits einige Gehversuche in Richtung Diversität unternommen. Im Verlauf des Gespräches mit Matthias Frense und der Dramaturgin Jasmin Maghames wird aber klar, dass hier ein ganz starker Wunsch nach mehr Bewusstsein vorhanden ist. Unter anderem auch deswegen hat man sich auf einen längeren Prozess begeben. Schön, wenn Diversität nachhaltig gedacht wird!

Raus aus der Filterblase

Frense bekennt, man habe zunächst geglaubt, eigentlich doch ganz gut aufgestellt zu sein. Anscheinend hat bei ihm aber im Hinterkopf immer der Gedanke geklingelt, dass man doch eine Menge an weißen Flecken konstatieren müsse. Und als ihn ZAK NRW-Geschäftsführerin Inez Boogaarts dann irgendwann fragte, ob er sich nicht vorstellen könne, einmal in einen begleiteten Diversitätsprozess einzusteigen, hat er zugegriffen. Warum? „Wir wollen nicht jemanden für das Thema Diversität abstellen, der sich dann kümmert und man ist ansonsten raus aus der Sache!“ Ein außergewöhnlich klares Bekenntnis zu durchgreifenden Veränderungen im Hause – und anscheinend hat er das bis heute noch keine Minute bereut!

Für die Vermittlung einer Diversitäts-Beraterin hat sich die ZAK NRW genau angeschaut, wo die Bedarfe des Ringlokschuppens liegen. Nach einem halben Jahr und drei Workshops mit Ivana Pilić scheint es so, als wenn sich schon viel bewegt hat. Da ist ein offener Prozess losgetreten worden, der sich in einem vertrauensvollen und lockeren Austausch auch zwischen den Workshops weiterentwickelt. Für Frense war es ein großes Plus von Ivana Pilić, dass sie mit einem ganzheitlichen Blick auf die Institution geblickt hat. So beschäftigte sie sich auch mit der internen Rollenverteilung, was noch einmal neue Perspektiven eröffnet habe. „Dass Ivana selber eine Migrationsgeschichte hat, hat sehr viel zu ihrer Glaubwürdigkeit beigetragen“, sagt Maghames. Und betont, dass ihre Ratschläge für realistische Herangehensweisen auch deshalb sehr nachvollziehbar gewesen seien.

„International zu produzieren heißt nicht, sich mit Diversität auseinander zu setzen.“

Für Frense und auch Dramaturgin Maghames ist die Mehrsprachigkeit eine wichtige Voraussetzung für den Ansatz zu mehr Diversität. Maghames studierte Theaterwissenschaften, hat selbst arabische Wurzeln und ist seit dem vergangenen Herbst im Team. „Wir haben bewusst nach ihr gesucht“, erklärt Frense die Einstellung. Seit man mit der Silent University Ruhr 2014 begonnen habe, sich immer stärker als offenen Ort zu begreifen, sei das Thema Diversität stetig in das Programm herüber „geschwappt“. Im Gespräch fällt auf, dass es immer wieder darum geht, das eigene Tun zu reflektieren.

Mit den Erfahrungen im Rücken will man sich nun viel stärker darum kümmern, wessen Geschichten auf der Bühne eigentlich erzählt werden. Man habe sich intensiv mit der Frage auseinandergesetzt, ob man ein Haus für alle sein wolle oder ein spezialisierter Kunstort. Die Entscheidung war eindeutig; Der Ringlokschuppen Ruhr ist ein Produktionshaus der freien Theaterszene, insofern will man auch hier ansetzen und mit Narrativen der Gesellschaft von heute und neuen ästhetischen Ausdrucksweisen experimentieren. Dass dieses sich aber für eine offene Gesellschaft einsetzt und entsprechend auch selbst offen ist, ist selbstverständlich. „Aber wir schaffen nicht alles auf einmal“, mahnt Maghames an. Für sie ist es in erster Linie wichtig, dass das Bewusstsein für Interkulturalität, Potentiale und Kompetenzen geschärft wird. Eine transkulturelle Gesellschaft, in der die Grenzen zwischen kulturellen Gruppen immer mehr verwischen, ist die Richtschnur für die zukünftige Programmgestaltung. Dass man sich dafür auch weiter entsprechend aufstellen müsse, sei ihm schon klar, so Frense. „Aber wir sind ganz gut im Antrag stellen.“ Allerdings wird das auch bedeuten, für die neue programmatische Richtung auch mal etwas anderes wegfallenlassen zu müssen.

Der Blick auf den Prozess

Ivana Pilić kann aus den Erfahrungen der drei zurückliegenden Workshops auf die gemeinsame Arbeit blicken und ist beeindruckt von dem Engagement, welches das gesamte Haus von der künstlerischen Leitung bis zu den Verantwortlichen der Gastronomie gezeigt hat. Für sie gab es einige Aspekte, die den Diversitätsprozess entscheidend befeuert haben und die aus ihrer Sicht auch grundlegend für die Entwicklung in der Zukunft sein werden:

- Der Dreiklang von Personal, Publikum und Programm auf den sich der Ringlokschuppen in Zukunft fokussieren will, um sein transkulturelles Profil zu schärfen.
- Der Mut, sich Veränderungen zu stellen – auch und besonders in der Haltung, die man als Institution einnimmt.
- Eine positive Energie oder Lust, mit der man die Dinge angehen will. Gleichzeitig aber auch die notwendige Ernsthaftigkeit in der Auseinandersetzung mit der Sache und die Umsetzung der erarbeiteten Maßnahmen

Dem Publikum zuhören

Durch den Prozess ergeben sich ständig neue Blickrichtungen und am Ende weiß man vor allem, dass man noch immer nicht alle im Fokus hat. Wieder lässt sich feststellen, was für eine Bedeutung auch die Sprache hat. Die Webseite ist derzeit auf Deutsch und Arabisch zu lesen, auch das Programmheft erscheint dreisprachig. In Zukunft will sich der Ringlokschuppen aber noch für weitere Communities und Sprachen öffnen. Wichtig sei auch, dass dem Publikum Zugang zu dem Geschehen auf der Bühne geboten wird, deswegen gibt es Übersetzungen. Das Zuhören und das Zulassen einer sprachlichen Vielfalt erfordern nicht nur Geduld, sondern erweist sich als Disziplin des interkulturellen Miteinanders.
Das passt zu der Haltung, die das Haus insgesamt an den Tag legt. Mit neuen Zugangsmöglichkeiten will man neue Perspektiven auf gesellschaftliche Diversität und Gemeinsinn eröffnen. Und vor allem eine Einladung aussprechen, die Zukunft gemeinsam zu gestalten.

Projekt
Diversitätssensible Öffnung am Ringlokschuppen
Datum
06. März 2019
Partner

Ringlokschuppen Ruhr

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