„SICH EINEN RAUM NEHMEN, DEN MAN NORMALERWEISE NICHT HAT“

Das Projekt „Jazz Factory" an der Philharmonie Essen und diversitätssensible Bildungsarbeit

Jazz Factory Bühne

Ein persönlicher Bericht von Anke von Heyl, Spezialistin für Besucherorientierung, partizipative Methoden und Social Media in der Kultur.

Alle Bilder: ZAK NRW/Shantan Kumarasamy 

Big Band plus Junior Band plus Chor plus Projektgruppe plus Tanz AG – gemeinsam fiebern Schülerinnen von der 5. bis zur 12. Klasse einer großen Aufführung auf der imposanten Bühne in der Essener Philharmonie entgegen. Allein die Dimensionen des Projektes „Jazz Factory“ sind beachtlich. Und wer je ein außerschulisches Projekt gestemmt hat, weiß, was da geleistet wird. Hut ab vor allen, die sich engagieren und mit persönlicher Begeisterung Kulturprojekte wie diese möglich machen.

Dazu kam, dass sich hier nicht nur unterschiedliche Altersklassen, sondern auch die beiden am weitesten voneinander entfernt liegenden Schulformen getroffen haben (Hauptschule und Gymnasium). Meine Hochachtung wächst. Ich kann mir vorstellen, wie viel Energie das frisst. Dabei sind Projekte wie dieses in so vieler Hinsicht ein großer Gewinn für die Schüler*innen, aber auch für die beteiligten Künstler*innen und Lehrer*innen. Denn wenn unterschiedliche Menschen und unterschiedliche Institutionen aufeinandertreffen, entsteht Reibung und die kann viel in den Menschen und den Institutionen verändern.

Dieser Meinung war auch die Zukunftsakademie NRW und ging eine Kooperation mit der Philharmonie Essen ein, um das Projekt zu begleiten und näher zu betrachten. Durchgeführt wurde diese Prozessbegleitung von der Agentur RED PONY, die sich u.a. auf diversitätssensible Prozesse in der kulturellen Bildung spezialisiert hat.

Ich habe mit verschiedenen Projektbeteiligten gesprochen und möchte gerne einige grundsätzliche Gedanken aus den Gesprächen weitergeben. Zunächst aber die Fakten.

Worum geht es bei „Jazz Factory“?

Das Projekt wurde von der Philharmonie Essen initiiert und durchgeführt, wo es von Sebastian Schürger als künstlerischem Gesamtleiter entwickelt und betreut wurde. Von Anfang an, so erzählt er mir, haben alle Beteiligten als Ziel die gemeinsame Aufführung auf der großen Bühne fest im Blick gehabt. Zuständig für die Stückauswahl und die Planung der Proben war eine Projektgruppe von insgesamt ca. 15 Jugendlichen. Sie haben auch eine Einführung in das Thema Jazz erhalten und als Dramaturgie-Team einen roten Faden in der Aufführung erarbeitet. Big Band und Junior Band sowie ein Chor übernahmen das Musikalische. Sie kamen von der Luisenschule. Die Tanz AG der Hauptschule an der Wächtlerstraße war für die tänzerische Umsetzung zuständig. Johan Malan als musikalischer Leiter und Paulo Santos als Choreograf gaben die künstlerischen Impulse. Unterstützt wurden sie von Bandleaderin Regina Coupette und Chorleiterin Claudia Duschner (beide von der Luisenschule) sowie den Klassenlerhrer*innen der zwei achten Klassen der Schule an der Wächtlerstraße, Ulrike Degen und Christiane Sotmann. 

Die anderen kennenlernen

Bühne Philharmonie Essen
Es war nicht das erste Projekt, bei dem verschiedene Schulformen miteinander gearbeitet haben. Aber es gab eine Besonderheit, von der mir Sebastian Schürger berichtet hat. Bisher haben sich die Schulformen untereinander nicht gemischt. Das war diesmal anders. Er hat die Projektgruppe aus dem Gymnasium angeregt, sich zu überlegen, ob sie nicht auch mit den Hauptschülern mittanzen wollen. Und siehe da, das hat für den Zusammenhalt der Gruppe unglaublich viel gebracht.

Die weitere Besonderheit war sicherlich die Prozessbegleitung. Red Pony hat das Projekt im Auftrag der Zukunftsakademie NRW beobachtet und immer wieder mit kleinen Interviews Stimmungsbilder abgefragt. Es ging darum, herauszufiltern, welche Wirkung eine diverse Zusammensetzung der Gruppen für die Methoden und Inhalte des Projektes haben könnte. Friederike Schönhuth und Caroline Rohmer haben registriert, dass zum Beispiel bei den choreografischen Ansätzen im Tanz interreligiöse Hintergründe berücksichtigt und gemeinsam reflektiert werden mussten – als ein Aspekt vieler unterschiedlicher Erfahrungen, die sich mehr auf den gesamten Prozess bezogen haben. 

In der Kennenlernphase hat Red Pony methodische Schritte beigesteuert, die – so hörte ich es auch aus dem Gespräch mit Sebastian Schürger raus – entscheidende Impulse gegeben haben. Oft wird damit ja auch noch etwas eingefangen, was vielleicht vor der Gruppe nicht so thematisiert werden kann. Was aber für die Gruppendynamik und das Gesamt-Projekt wichtig ist. Dass dabei immer wieder Wert darauf gelegt wurde, Begegnungen zwischen den Teilnehmenden zu ermöglichen, finde ich super!

„Alle haben das Projekt reflektiert, die Coolsten im ganzen Geschehen sind die Kids“, sagt mir Friederike Schönhuth. Allein bei so einem Satz geht mir das Herz auf. Es lohnt sich dermaßen, in solche Projekte zu investieren. Und bei allen Unwägbarkeiten oder auch Unsicherheiten, die es sicherlich zu Beginn des gesamten Prozesses gegeben hat - die Kinder und Jugendlichen wissen eigentlich am allerbesten, was wichtig ist. Das wäre zum Beispiel „mehr Zeit, um einfach mal zu Quatschen“ und Schönhuth war überrascht, dass beim Abfragen der Erwartungen die meisten Kinder und Jugendlichen geschrieben haben: „jemand Neues kennenzulernen“. Neugier auf Andere, das ist so einfach wie wunderbar. Für sie ist es ein wichtiger Aspekt solcher Projekte, dass man Raum für Begegnungen schafft.

Auch Sebastian Schürger betont das, nennt aber noch einen weiteren Punkt. Die Bühne, der große Saal der Philharmonie. Es sei nicht zu unterschätzen, welche Wirkung der auf alle Beteiligten habe. „Sie können sich einen Raum nehmen, den sie normalerweise nicht haben“, bringt es Friederike Schönhuth auf den Punkt. Schürger beschreibt das Phänomen als Eintauchen in den Raum aber auch in den gesamten Kulturbetrieb. Die Schülerinnen und Schüler sind für eine gewisse Zeit ein Teil davon, würden auch mitbekommen, dass dort ein besonderer Codex im Umgang miteinander existiert. Schürger hat gesehen, dass dies unglaublich positive Auswirkungen auf die Schüler*innen hat.

Musikvermittlung und Teilhabe

Arme öffnen
Nun stelle ich mir die Frage nach den Zielen der Musikvermittlung. Ich habe den Eindruck, dass es am Ende nicht zentral darum geht, eine Werkschau über den Jazz zu vermitteln. Viel wichtiger ist es, ein gemeinsames Projekt zu stemmen. Und dabei einen roten Faden zu haben, der sich mit dem Verständnis von Jazz verbinden lässt. Das Interesse für Musik, für die Hochkultur? Das erreicht man viel mehr darüber, dass man die Arme weit öffnet und zum Mitmachen, Miterleben einlädt.

Friederike Schönhuth sagt, dass Kultur einen Rahmen liefert, der ganz schön viel voraussetzt. Aber gerade im Hinblick auf das Thema Diversität könne hier mit der richtigen Strategie und der Bereitstellung der notwendigen zeitlichen und personellen Ressourcen viel erreicht werden. Vor allem, wenn es gelänge, (unbewusste) Hierarchien aufzubrechen, auf den Kopf zu stellen und die eigene Komfortzone mal zu verlassen. Das gilt sowohl für die Schulen als auch für die Kulturinstitutionen.

Die Learnings für Kulturinstitutionen

Choreografie
Und anscheinend hat dieses Projekt, die diversitätssensible Begleitung und das Nachdenken über die Strukturen so einiges angestoßen. Ganz wichtig scheint mir dabei das langfristige Engagement der Kulturinstitutionen zu sein. Zudem zeigt sich da auch, wie wichtig es ist, sich strategisch mit Outreach-Konzepten auseinanderzusetzen, um überhaupt erst in den Dialog zu kommen.  Der erste Kontakt ist so wichtig, denn nach wie vor gibt es Berührungsängste, die abgebaut werden sollten. Aber, wenn solch eine Wirkung von den Räumen der Hochkultur ausgehen kann, warum nutzt man das nicht auch gezielter, frage ich mich gerade. Es muss nur der Wille da sein, sich entsprechend zu öffnen.

Aus den Erfahrungen seiner bisherigen Arbeit kann Sebastian Schürger mir sofort einen ganzen Strauß an Ideen überreichen, was zukünftig helfen könnte, den Mehrwert Kultureller Bildung für die Gesellschaft zu verstetigen. Er erwähnt das Klavierfestival Ruhr, die mit einigen Modellprojekten Vorbild seien.  Ein ganz wichtiger Faktor sind die notwendigen Ressourcen. Zeit ist dabei die härteste Währung! Auch Friederike Schönhuth und Caroline Rohmer haben das bemerkt. Klar, wenn es sich um etwas handelt, was außerhalb des eigentlichen schulischen Auftrags passiert, dann geht da nicht mehr.

„Toll wäre, ein ganzes Wochenende miteinander zu haben“, schwärmt Schürger. Aber das kostet natürlich Geld. Er stellt sich vor, was ein Projektorchester leisten könne, das sich qua Bildungsauftrag mit dem Thema kulturelle Teilhabe beschäftigt, oder was wäre, wenn der Choreograph eine Festanstellung an der Hauptschule bekäme und alle für ihren Abschluss auch eine Tanzaufführung machen müssten.

Der Gestaltungswille ist auf jeden Fall vorhanden. Für mich scheint dies – neben der Begeisterung der Kinder und Jugendlichen – ein wichtiges Learning aus dem Projekt zu sein. „Diversitätssensibilität erfordert von Anfang an bestimmte Voraussetzungen und Routinen in der Strukturlegung eines Formats und seiner Prozesse – auch, damit alle Beteiligten immer wieder Zeit haben, gemeinsam zu reflektieren“, sagt mir Friederike Schönhuth zum Abschluss. Ich wünsche mir, dass dafür zukünftig auch die dringend notwendigen Bedingungen geschaffen werden können.

Kultur- und Bildungspolitik sind gefordert

Philharmonie Essen Aufführung
Auch bei Sebastian Schürger, der mir ganz offen sagte, dass solche tollen Projekte nicht darüber hinwegtäuschen könnten, dass es strukturell noch an ganz vielen Stellen fehlt. Er macht sich auch Gedanken über die Rolle der Kultur- und Bildungspolitik, welche Standards da gepusht werden und wie kulturelle Teilhabe überhaupt unterstützt werden kann. Aus seiner Sicht sind es vor allem die Schnittstellen zwischen Kulturinstitutionen und Schulen, die gestärkt werden sollten.

Bewusstsein für Projekte stärken

Als ich ihn nach Gesichtspunkten frage, die man Kulturinstitutionen für solche Kooperationsprojekte mit Schulen an die Hand geben könnte, antwortet Schürger mit ganz konkreten Hinweisen: „Mit Offenheit auf die Schulen zugehen und sich auf Möglichkeiten vor Ort einstellen“. Wichtig sein aber auch die „Großzügigkeit in der Flexibilität und in der Bereitstellung von Ressourcen (auch Räumlichkeiten und Technik)“ und nicht unterschätzen sollte man „kurze Phasen der Reflektion“, die er dringend rät, einzubauen. „Auch LehrerInnen und SchülerInnen, um das Bewusstsein für das Projekt zu stärken und nicht artikulierte Kritik in konstruktive Kritik umzuwandeln“. Auch ist es ihm wichtig, dass die Kompetenzen und Aufgabenverteilung im Projekt von Beginn an klar werden. Dabei muss deutlich sein, dass die Leitung des Projektes in den Händen der Kulturinstitution liegt.

Und am Ende gibt er mir noch einen Aspekt mit auf den Weg, den ich vor allem im Hinblick auf das Thema Vernetzung für äußerst wichtig halte: Dass nämlich Kulturschaffende und Lehrer*innen viel voneinander lernen können. Hierin scheint mir auch die Rolle der ZAK deutlich zu werden, die den Vernetzungs- und Austauschgedanken wichtig findet für die gemeinsame Arbeit im Zusammenhang von mehr Diversität an Kulturinstitutionen.

Projekt
Diversität und Kulturelle Bildung in der «Jazz Factory»
Datum
20. Februar 2019
Partner

Philharmonie Essen

Hintergrund

Jedes Jahr führt die Philharmonie Essen mit verschiedenen Schulen der Region Kompositionsprojekte durch. Im Schuljahr 2018/2019 brachte eines dieser Projekte unter dem Titel "Jazz Factory" Schüler*innen des Luisengymnasiums in Mülheim und Schüler*innen der Hauptschule an der Wächtlerstraße zusammen. Gemeinsam mit verschiedenen Künstler*innen entwickelten sie ein Konzert mit Tanzchoreografien. Im Auftrag der Zukunftsakademie NRW begleitete Red Pony – Agentur für Kunst und Kulturelle Bildung das Projekt und fragte, nach den Chancen und Herausforderungen, die ein Projekt mit einer so heterogenen Schülerschaft bereithält.

 

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