Das Museum, das Publikum und die Kunst der richtigen Ansprache

Podiumsdiskussion „Audience First? Publikumsorientierung als Chance“ lieferte viel Denkstoff für ein offenes Miteinander

Julia Hagenberg Inez Boogaarts K20

Ein persönlicher Nachbericht von Anke von Heyl, Spezialistin für Besucherorientierung, partizipative Methoden und Social Media in der Kultur.


Vielfalt des Publikums – das bedeutet auch: Es gibt neben unterschiedlichen Perspektiven ganz sicher viele Erwartungen. Wie gehen die Museen damit um? Welche Position nehmen sie hinsichtlich der immer diverser werdenden Gesellschaft ein und welche ganz konkreten Überlegungen gibt es im Hinblick auf Diversität im Programm oder auch im eigenen Team? Das waren wichtige Eckpunkte einer Podiumsdiskussion, die am 23. Januar 2019 in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen stattfand. Es war schon die zweite Veranstaltung, die die Zukunftsakademie (ZAK) NRW in der Reihe „Diversity Matters“ zum Thema Diversität in der Museumslandschaft organisiert hatte. Und es ist gut, dass das Thema immer wieder besprochen wird. Mit möglichst vielen Beteiligten. 

Open Space – Open Minds

Die Kooperation der ZAK NRW mit der Kunstsammlung hat vor allem im Kontext mit der Ausstellung museum global sehr viel Sinn gemacht, die ja einen multiperspektivischen Blick auf die Objekte des Museums quasi mit ausgestellt hat. Und der Open Space eignete sich ganz wunderbar für so eine Veranstaltung. Für meinen Geschmack hätte es am Ende der Veranstaltung gerne noch ein bisschen mehr Zeit für die Diskussion mit dem Publikum geben dürfen – leider war die Struktur des Abends durch eine Aufzeichnung des WDR3 vorgegeben. Der Vorteil daran: Man kann das Gespräch als Aufzeichnung hier noch einmal nachhören.  

Podium Audience First

Wer spricht?

Zunächst einmal: Vom Podium war ich sehr angetan. Es war eine sehr gute Mischung, denn Museum ist nicht gleich Museum! Die Unterschiede der Sparten sind da. Ein Kunstmuseum wie das Marta Herford stellt sich unter Umständen anders auf als ein Bezirksmuseum in Berlin-Friedrichshain/Kreuzberg. Besonders, wenn es um die Perspektive auf das Publikum geht. Neben Gülay Gün und Roland Nachtigäller brachte Nanette Snoep als neue Direktorin des Rautenstrauch-Joest-Museums in Köln dann zudem noch die Ethnologie mit all ihren Bezugspunkten ins Gespräch. 

Gülay Gün ist Diversitätsberaterin und seit Kurzem Sammlungsleiterin des Friedrichshain-Kreuzberg- Museums. Sie gehört einer neuen Generation von Museumsmacher*innen an, die sich stark dafür aussprechen, Gegenwart abzubilden. Für sie steht im Vordergrund, gemeinsam mit allen gesellschaftlichen Gruppen verbindende Geschichtslinien herauszuarbeiten. Ein Stadtmuseum von heute muss sich auch außerhalb der vier Wände des Museums verorten. So entsteht automatisch eine große Nähe zur Stadtgesellschaft. Für Gün ist es entscheidend, dass die Besucher das Gefühl haben, ihre Geschichte wird im Museum abgebildet. 

Geht das aber auch auf die gleiche Weise, wenn wir über Kunstmuseen nachdenken? Roland Nachtigäller versteht Ausstellen nicht unbedingt im Sinne eines partizipativen Akts. Es sei immer auch die individuelle Sicht der Kurator*innen. Entscheidend sei für ihn aber, dass man hinter das Ergebnis zurücktreten kann und dem Publikum die Möglichkeit gibt, seine Sicht auf die Dinge zu äußern.

Nanette Snoep

Gesellschaftliche Relevanz

Das Marta Herford hat Arbeiten gezeigt, in denen sich Gefängnisinsassen mit struktureller Gewalt auseinandergesetzt haben und Nanette Snoep berichtet von einer äußerst erfolgreichen Tattoo-Ausstellung im Grassi-Museum , mit der sie vor allem die Nicht-Besucher*innen erreichen wollte. Sie lud Menschen ein, ins Museum zu kommen und sich mit ihren Tattoos für ein Archiv der Gegenwart fotografieren zu lassen. Sie habe noch nie so viele unterschiedliche Leute im Museum gesehen, berichtet sie von der Eröffnung. Und alle seien Teil der Ausstellung gewesen. Beide Projekte sind gute Beispiele für Berührungspunkte mit neuen Communities außerhalb des bestehenden Publikums. 

An diesem Punkt geriet die Diskussion in eine spannende Phase. Aus meiner Sicht ist es wichtig zu fragen: Wer kommt und warum? Oder eben auch: Wer kommt nicht und warum nicht? Je tiefer man in die Analyse einsteigt, desto deutlicher zeigt sich, dass längst noch nicht alles für alle durchdacht ist. Bemerkenswert fand ich in der Diskussion auch die Frage, was der Verzicht von Eintrittsgeldern für Folgen habe kann. Peter Grabowski – als kulturpolitischer Reporter eine gute Wahl für die Moderation der Veranstaltung – brachte eine Studie über Nicht-Besucher*innen der Oper Leipzig ins Gespräch, die aufgezeigt hatte, dass „keine Zeit“ und „zu teuer“ letzten Endes nur vorgeschobene Argumente sind. „Das ist nichts für mich“ scheint die viel zentralere Aussage zu sein.

Die große Frage, ob man ein Museum für alle sein kann, sein muss, wurde auch hier wieder kontrovers diskutiert. Ich finde es wichtig, dass man darauf nicht reflexhaft antwortet: Klar, alle sollen kommen. Denn das muss man auch in einen entsprechenden Maßnahmenkatalog herunterbrechen. Und dafür braucht es Ressourcen wie Zeit und Mitarbeiter*innen. Wichtig ist, dass man eine Idee davon hat, wohin man sich entwickeln möchte. 

Open Space im K20

Teilhabe und Vermittlung

Roland Nachtigäller brachte in der Diskussion die Rolle der Vermittler*innen ins Spiel. Für ihn ist es durchaus vorstellbar, dass es Leute gibt, die einen Museumsbesuch für sich einfach nicht in Betracht ziehen wollen. Aber die, die etwas mit dem Museum verbinden, die will er auch mit ins Boot holen. Zum Beispiel als Vermittler*innen oder Botschafter*innen für das Haus. 

Gülay Gün lenkte die Debatte auf einen weiteren wichtigen Punkt: Wir gehen automatisch immer davon aus, dass alle denselben Kulturbegriff verhandeln. Aber wenn man sich die verschiedenen Communities anschaut, so existiert da bereits eine Vielzahl von Angeboten – auch in unterschiedlichen Sprachen. Mit Führungen in Fremdsprachen allein motiviert man wahrscheinlich nicht für einen Museumsbesuch. 
Nanette Snoep legte auch noch einmal den Fokus auf die Barrieren, die einen Museumsbesuch tatsächlich verhindern können. Ein sehr zentraler Punkt für sie ist dabei die Frage, ob sich diese Menschen im Museum überhaupt willkommen fühlen. Gülay Gün ergänzte, dass das auch durchaus mit der Angst vor Diskriminierung zu tun haben könnte oder schlicht damit, dass die Zugänge nicht barrierefrei seien. Das ist ein zentraler Dreh- und Angelpunkt. Man muss sich und seine Werte immer wieder hinterfragen und im Austausch mit dem Publikum identifizieren, welche Schranken real existieren. 

Fazit

Wie so oft hat mich auch hier nachdenklich gestimmt, wie sehr es von der Haltung der jeweiligen Museumsmacher*innen abhängt, in welche Richtung man sich zum Publikum hin öffnet. Für alle aber steht die Frage im Raum, in welchen Strukturen man sich überhaupt bewegen kann. Hier ist sicher auch die Kulturpolitik gefragt.

Mir geht die Frage nach der Relevanz all dessen durch den Kopf, was im Hinblick auf die Zukunft der Museen diskutiert wird. Gülay Gün hat das sehr gut auf den Punkt gebracht: „Ich glaube, dass man nur mit Besucherzahlen überhaupt nicht bemessen kann, ob eine Ausstellung zur Verbesserung der Gesellschaft beitragen kann.“ Für mich war das der Satz des Abends! 

alle Fotos: ZAK NRW/Vladimir Wegener

Projekt
Diversity Matters! Neue Herausforderungen für das Kunstmuseum der Zukunft
Datum
23. Januar 2019

Die Diskussion "Audience first? Publikumsorientierung als Chance" fand am 23. Januar 2019 im Rahmen der Ausstellung museum global – Mikrogeschichten einer ex-zentrischen Moderne im OPEN SPACE/K20 statt.

 

Partner

Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen

 

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