NEUE ZIELGRUPPEN FÜR KLEINE STADT- UND HEIMATMUSEEN

Rückblick zum Symposium "Neue Relevanz"

Workshop
Kleine Stadt- und Heimatmuseen stehen vor einer ungewissen Zukunft. Sie konkurrieren zunehmend mit immer neuen Erlebnismöglichkeiten und sich permanent verändernden Interessen der Stadtbewohner. Zudem leiden Museumseinrichtungen unter den Konsolidierungen der öffentlichen Hand, so dass kostspieligere Erneuerungen nicht möglich sind. Ein Lösungsansatz ist die Frage, wie sich die Museen neu aufstellen können, um andere, diverse Zielgruppen zu erreichen. Eine Frage, mit der sich auch die Zukunftsakademie NRW beschäftigt – und sich darum am Symposium „Neue Relevanz. Symposium zur Zukunft kleiner Stadt- und Heimatmuseen“ beteiligte.

Ende September kamen fast 70 Museumsmacher*innen aus ganz Deutschland im Alten Rathaus von Werne zusammen, um den Dialog über aktuelle Methoden und Strategien der Ansprache bzw. Beteiligung neuer Zielgruppen zu suchen. Im Auftrag der Zukunftsakademie NRW veranstaltete die Hamburger Museumsexpertin und Historikerin Gülay Gün dabei einen Roundtable zur diversitätssensiblen Öffnung von Museumseinrichtungen. Unter dem Titel „Immer nur dieselben: Wie es gelingen kann, neue Besuchergruppen anzusprechen“ stellte sie eine Reihe aktueller Überlegungen zur Erreichung möglicher Besucher*innen vor und regte die Anwesenden durch praktische Übungen zur Reflexion der eigenen Situation sowie einer möglichen Professionalisierung der Zielgruppenansprachen an.

Themen statt Objekte: Thesen von Gülay Gün

• Die oft sehr wissenschaftliche und objektorientierte Museumsarbeit erreicht die Bedürfnisse der Bürger*innen nicht mehr. Viele Museumsmacher*innen entwickeln ihr Programm ausgehend von der eigenen Sammlung und ignorieren dabei die aktuell diskutierten Themen aus dem Alltag der Menschen.

• Eine Öffnung in die vielfältige Stadtgesellschaft kann nur gelingen, wenn für die Programmgestaltung gezielt Themen und Anknüpfungspunkte aus dem städtischen Leben aufgegriffen werden. Diese Herangehensweise erfordert in erster Linie einen Haltungswechsel bei den Museumsmacher*innen und ist nicht unbedingt eine Frage finanzieller Mittel.

Beispiel: Die lokale Skaterszene liefert interessantes Material für eine eigenständige museale Programmreihe. In Zusammenarbeit mit dieser Community könnten etwa Fotos oder Videos, kurze Storys sowie Erzählungen gesammelt werden, die dann im Stadtmuseum als Ausstellungs- und Veranstaltungsangebot zur Darstellung kommen. Dadurch gäbe es eine Gruppe, die sich mit den Inhalten identifizieren könne und dieses wahrnehmen würde.

• Die Auseinandersetzung mit solchen Themen lässt das Museum zu einer Plattform für die Verhandlung von Stadt werden. Das Museum wird aktiv und relevant – trotzdem bleiben die Expertisen Sammeln, Bewahren und Vermitteln erhalten.

think big

Zusammenarbeit für eine vielfältige Gesellschaft: Tipps aus den Übungen

• Gülay Gün forderte die Teilnehmer*innen dazu auf, sich stärker mit Museumsbesucher*innen und ihren Hintergründen zu beschäftigen. Dazu rückte sie in ihren Workshops die Analyse von Zielgruppen als Methode der Professionalisierung in den Mittelpunkt.

• Zunächst spielt es keine Rolle, ob als mögliche Zielgruppe die Skater, Menschen mit Fluchthintergrund oder Sportvereine angesprochen werden sollen. Erst im zweiten Schritt ist eine Selbstreflektion wichtig, die aber auch nie abgeschlossen sein darf. Zielgruppen müssen genauso stetig variieren wie eine Gesellschaft sich wandelt.

• Zielgruppenarbeit bedeutet auch Communityarbeit. Museumsmacher*innen müssen in den Dialog mit einer Zielgruppe treten, deren Interessen erfragen und gemeinsam über mögliche Programmangebote nachdenken. Eine Chance miteinander ins Gespräch zu kommen: die Methode des Hostings. Indem Museen einer Zielgruppe die eigenen Räumlichkeiten für Events und Aktivitäten anbieten, können sich Vertrauen und eine gemeinsame Arbeitsebene aufbauen.

• Es erfordert Mut, sich in unbekannte Szenen zu wagen und in Austausch über museale Fragen zu treten. Ein Einwand der Teilnehmenden: Es braucht lange Anlaufzeiten, um Kontakte zu den Communities herzustellen. Darüber hinaus gab es Sorgen, dass sie keine Sozialarbeit leisten könnten und eine derartige intensive Einbindung von Zielgruppen in die eigene Arbeit doch eher ungewöhnlich erscheint.

• Lösungsansatz: Türöffner in die Communities zu finden. Hierbei handelt es sich um Kontaktpersonen, die sich in unterschiedlichen Szenen bewegen und als Bindeglied einen Austausch möglich machen können. Diese Personen haben oftmals Zugang zu informellen Gesprächskreisen, Treffpunkten bzw. Zentren anderer Communities und können diese für Museumsmacher*innen öffnen.

• Gerade durch Zusammenarbeit kann in einer vielfältigen Gesellschaft auch marginalisierten Communities eine Stimme verliehen werden. Die Einbindung einer Zielgruppe in die Entwicklung von Formaten führt nicht nur zu einer höheren Identifikation, sondern steigert auch Relevanz und damit Akzeptanz des Museums.

• Durch die Öffnung der Institution für einen Dialog mit Akteur*innen der Zivilgesellschaft kann eine gemeinsam getragene und damit akzeptierte Museumsarbeit entstehen, die den Bedürfnissen der Zielgruppen entspricht. Eine partizipative Museumsorganisation ist zugleich demokratischer, da sie Foren des Miteinanders etabliert und dadurch gezielt daran arbeitet, mögliche Ausschlüsse marginalisierter Gruppen zu vermeiden.

Zusammenfassende Empfehlungen:

➢Selbstreflektion durch Nicht-Besucherforschung

➢ Abschied vom Glauben nehmen, dass Projekte mit sog. Menschen mit Migrationshintergrund die Besucherzahlen langfristig erhöhen.

➢ Bedürfnisorientierte Angebote herstellen durch Kollaboration auf Augenhöhe von unterschiedlichen sozialen Gruppen, bzw. Milieus.

➢ Mehr Diversität im Museum zulassen, in dem Teilhabe an den gemeinsamen Ressourcen ermöglicht wird.

➢ Lesetipp: Mark Terkessidis, für den Partizipation den wohl wichtigsten Bestandteil eines funktionierenden Gemeinwesens darstellt.

 Text von Gaby Heinkel-Brüggemann

Datum
Oktober 2018
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