Im Dialog mit der Stadtgesellschaft. Gedanken zur Zukunft von Stadtmuseen

Interview mit Gülay Gün

Gülay Gün

Beim Symposium „Neue Relevanz. Symposium zur Zukunft kleiner Stadt- und Heimatmuseen“ in Werne veranstaltete die Hamburger Museumsexpertin und Historikerin Gülay Gün im Auftrag der Zukunftsakademie NRW einen Roundtable zur diversitätssensiblen Öffnung von Museen. Am Rande des Symposiums gab sie uns ein Interview zu Diversität und der Zukunft des Stadtmuseums. 

Warum müssen sich Museen verstärkt mit der Diversität ihrer Zielgruppen beschäftigen?

Da wir eine diverse Gesellschaft sind und dieser Prozess nicht mehr umkehrbar ist, muss die sich verändernde Bevölkerungsstruktur auch in den Bildungs- und Kultureinrichtungen abgebildet sein. In manchen Städten – etwa Frankfurt – liegt der Migrationsanteil in der gesamten Stadtbevölkerung bereits bei 50 Prozent. Dadurch entsteht ein ganz anderer Bedarf an Kulturproduktion und Kulturvermittlung. Durch den demografischen Wandel und veränderte Interessen möglicher Besucher*innen wird dieser Effekt noch verstärkt. Die Angebote müssen deshalb deutlich stärker an den Zielgruppen und weniger an den Interessen der Museumsmachenden ausgerichtet werden. Das Programm kann nicht mehr nur aus Geschichten bestehen, die die Museumsbeschäftigten von sich aus kennen. Umso wichtiger ist die Einbindung und Anbindung von Communities an die Museen. Nur so können Museen als relevante Bildungseinrichtungen zukünftig noch ihren Auftrag erfüllen und dadurch ihre Förderung legitimieren.

Warum ist es für manche Museen so schwierig, ihre Diversitätsorientierung zu erhöhen?

Ich glaube, der Denkprozess dahinter ist für viele Museumsmacher*innen eine fast unüberwindbare Hürde. Oft ist das Erkennen da, wir sind nicht heterogen oder machen keine Projekte für Menschen einer diversen Gesellschaft. Das Überwinden klappt allerdings erst, wenn ich die Bedürfnisse berücksichtige, die für eine große Gruppe relevant sind. Wenn ich eine große Diversität ansprechen möchte, dann klappt das über Themen, die viele oder alle beschäftigen. Dafür muss man sich bei der Programmgestaltung von seiner Objektfixierung lösen und Inhalte finden, die einen Großteil der Menschen einer Stadtgesellschaft betreffen. Wenn ich in meinem Haus Diversität fördern möchte, dann muss ich zudem auch den Weg gehen zu einer diversen Ansprache. Viele Menschen werden zum Beispiel ausgeschlossen, weil alles in einer sehr wissenschaftlichen deutschen Sprache vermittelt wird. Wenn Museumsmacher*innen ihre Inhalte auch in anderer, leichter Sprache zugänglich machen, dann gehen durchaus auch andere Gruppen ins Stadtmuseum.

Wie kann sich ein Stadtmuseum in die Stadtgesellschaft öffnen?

Es gibt nicht das eine Rezept. Es ist sehr, sehr wichtig, erst einmal in Kontakt mit den Bewohner*innen einer Stadt zu treten. Vielleicht auch gerade mit Menschen, die sich nicht über eine weiße, deutsche Herkunft definieren. Dafür muss man die eigene Einrichtung verlassen und bestenfalls auch nicht nur klassische Veranstaltungen wie ein Stadtfest berücksichtigen. Interessant ist es doch eher, eine bisher vielleicht unberücksichtigte Szene zu finden und einzubinden. Es gibt in Hamburg beispielsweise eine parallele Kulturlandschaft der türkischsprachigen Communities mit Musicals, Theater, mit Konzerten, die fast ausschließlich ehrenamtlich bespielt werden. Die sind sehr gut besucht. Museen könnten diese Kulturlandschaft anzapfen. Das geht letztendlich aber nur, wenn man sich als Museumsmacher*in traut, über den eigenen Schatten zu springen.

Warum ist es so wichtig neue Zielgruppen zu erreichen?

Diese Gruppe, die als die „Andere“ markiert wird - beispielsweise eine Gruppe mit sogenanntem Migrationshintergrund - hat ja ebenfalls kulturelle Bedürfnisse. Sie mögen es ebenfalls ihre Geschichte aus ihrer Perspektive erzählt zu bekommen oder zu erzählen. Sie konsumieren gern „Kultur“ und sie haben ein Recht darauf Kultur so zu konsumieren, dass sie ihnen etwas zurückgibt: Emanzipation und Anerkennung zum Beispiel. Marginalisierte Gruppen, und dazu zählen auch behinderte Menschen, haben es einfach nicht nötig Geschichte so erzählt zu bekommen, dass es für sie unangenehm oder anstrengend wird. Beispiel: Das fängt mit einem zu hoch gehängten Text an und hört mit rassistischem Sprachgebrauch in Texten auf. Gerade diese Bedürfnisse, also das Bedürfnis nach Teilhabe, Anerkennung und Emanzipation können ja Potential für das Stadtmuseum bieten, über Geschichte, über den Heimatort, über die Stadt, in der man sich befindet, zu sprechen. Und man kann sich fragen, wie kann das Museum sich und seine Sammlungen an den Bedürfnissen dieser Menschen ausrichten. Das heißt also, neu zu Sammeln oder Sammlungen zu erweitern. Man muss viel stärker in diese Lebensrealitäten eintauchen, um ein Bewusstsein für deren Bedarfe zu bekommen und diese in der eigenen Museumsarbeit zu berücksichtigen. Im Grunde heißt das für Museen: Die Stadt, dessen Geschichte man abbilden will, mit zu machen.

Wie erreicht man neue Zielgruppen und kann diese ans Museum binden?

Der einzige Weg führt über Partnerschaften und Kollaborationen. Dafür eignen sich die sogenannten Türöffner. Das können Multiplikatoren (also Personen aus dem Vereinsleben oder bestimmter Communities) sein, das können Vereine und Verbände sein, das kann man Selbst sein, wenn man an Veranstaltungen teilnimmt und progressiv Menschen anspricht. Aber die Herstellung eines Kommunikationskanals ist das Allerwichtigste. Ohne diesen Kommunikationskanal kann man noch so viele Ausstellungen machen, aber man erreicht die Menschen nicht. Das bedeutet aber auch, Menschen an den eigenen Ressourcen teilhaben zu lassen. Das heißt zum Beispiel, sie anzustellen oder ihnen ein Honorar zu zahlen, dafür dass sie Türöffner sind. Wenn man Kooperationspartnern und Communities auf Augenhöhe begegnen will, dann muss man sich gegenseitig an Ressourcen teilhaben lassen.

Wie lässt sich die Diversitätsorientierung von Stadtmuseen nachhaltig verbessen?

Eigentlich geht das nur dadurch, dass mehr Menschen mit diversem Hintergrund, beispielsweise einer Migrationsgeschichte in Museen arbeiten. Das sieht man jetzt in einigen progressiven Projekten, zum Beispiel bei „Multaka“ oder „Neue Heimat“ in Niedersachens Museen, wo Menschen mit Fluchtgeschichte angestellt werden. Sie bekommen Stellen als Volontäre oder als Guides für Führungen. Aus früheren Zeiten weiß ich, dass das Museum für Völkerkunde in Hamburg, das heutige Museum am Rothenbaum in vielen Projekten Menschen als Honorarkräfte oder befristet beschäftigt hat, die Türöffner für gewisse Communities gewesen sind. Diese Integration unterschiedlicher kultureller Blickwinkel verändert langfristig die Haltung der Kulturinstitution und dadurch auch das Programmangebot und die Ansprache des Publikums. Natürlich bedeutet das nicht, dass eine Anstellung in befristeten Arbeitsverhältnissen anzustreben ist. Langfristig müssen Museen einfach in ihrer festen Mitarbeiter_innenschaft diverser werden.

Was kann die Kulturpolitik machen, um die Diversität in Kulturorganisationen zu verbessern?

Kulturpolitik muss viel klarer definieren, dass die positive Anerkennung von Vielfalt ein Grundstein von Förderung sein sollte. Viele Projekte drehen sich um das Thema Vielfalt, berücksichtigen aber nicht, dass Vielfalt eine Realität ist, die nicht umkehrbar ist. Die Kulturpolitik fördert oft Projekte, die Menschen mit Migrationshintergrund paternalisieren in dem sie eine Förderung ihrer Integration anstreben. Stattdessen müssen wir fördern, diese Realität anzuerkennen, ohne sie weiterhin zur Diskussion zu stellen. Die Förderprogramme sollten Erfolge nicht daran messen, wie viele Menschen gekommen sind, sondern wie viel Verständnis für Vielfalt und Demokratie erzeugt wurde. Man könnte beispielsweise Punktekataloge entwickeln. Diese müssten sich an Fragen orientieren, wie zum Beispiel: Wurde Vielfalt in einem Projekt positiv betitelt? Vielfalt und Demokratie geht einher mit anderen Themen wie einer gerechteren und ökologischeren Welt. Wurde Barrierefreiheit oder der Punkt ökologische Nachhaltigkeit berücksichtigt? Haben Menschen teilgenommen, die in Testimonials sagen, was der Besuch des Museum gebracht hat? Das heißt also, Kriterien zu schaffen, die messbar sind, unabhängig von Besucherzahlen.

Projekt
Neue Relevanz.
Datum
Oktober 2018
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